Eine Kirche mit Blick in den Himmel

Am 30. August 2008 eingeweiht: die neue St.-Barbara-Kirche

Die St.-Barbara-Kirche am Paschenberg
Die St.-Barbara-Kirche am Paschenberg


In Herten-Nord war es genauso wie überall im Ruhrgebiet: Der Ortsteil wuchs nicht mehr, die Gemeinde schrumpfte, immer weniger Menschen kamen zum Gottesdienst. Die erst 1953 neu errichtete Kirche St. Barbara mit 400 Sitzplätzen wurde schlichtweg zu groß. 2004 traf der Kirchenvorstand dann eine wegweisende Entscheidung: Auf dem Kirchengelände sollten ein Pflegeheim und der Neubau einer kleineren Kirche – ursprünglich gedacht war sogar nur ein Kirchenraum – geplant werden. Denn das Bischöfliche Generalvikariat hatte zuvor keine Mittel mehr bewilligt – weder für Umgestaltung noch für Umbau der bestehenden Kirche.

2005 wurde dann vom Bistum Münster ein Architektenwettbewerb ausgelobt, für Kirche und Pflegeheim. 2007 folgten die Entweihung der alten Kirche, ihr Abriss und wenige Wochen später schon der erste Spatenstich für das neue Projekt. Nur der Glockenturm blieb stehen. Im Sommer 2008 war Kirchweihe.

Dieses neue Gebäudeensemble ist eingebettet in eine ansprechend gestaltete Grünanlage und wird so mit der benachbarten Realschule und dem Kindergarten verbunden - eine ruhige und doch vitale, stadtteilprägende und identitätsstiftende Insel in der Stadt. Schließlich verbringen an diesem Ort viele Menschen wichtige Jahre ihres Lebens.

Im Zentrum und als Wahrzeichen steht der alte Glockenturm, und es ist kaum zu erkennen, dass er noch von der Ursprungskirche stammt. Denn für den Neubau wurde ein sehr ähnlicher Ziegel verwand. Und der Neubau zeigt sich nach außen als klarer Kubus mit geraden Linien, passend zum quadratischen Grundriss des Turms.

Zur Kirche kommt man durch ein gläsernes Entrée: Die Institution „öffnet“ sich somit einladend für Passanten. Ein helles Foyer mit Cafeteria empfängt die Besucher, links geht es durch einen flachen Zwischenbau zur Kirche, rechts ins Pflegeheim. An der Wand des Durchgangs befindet sich hier zur Einstimmung hinterleuchtet ein buntes Fenster aus der Ursprungskirche. Es zeigt die Anbetung der Könige.

Eingehüllt in gelbliches Licht empfängt den Besucher schließlich der Kirchenraum, der so ungewöhnlich und doch so sympathisch wirkt. Das Architekturbüro Feja und Kemper aus Recklinghausen, das die Entwürfe geliefert hat, hat einen querformatigen Raum entwickelt: Der Altar befindet sich also an der dem Eingang gegenüberliegenden Längswand. Die Kirchenbänke aus hellem Holz sind so angeordnet, dass sie in U-Form den Altar einrahmen. Aber immer wieder ist es das Licht, das die Aufmerksamkeit bindet. Es fällt durch zwei vertikale Fensterstreifen, die auf Höhe des Altars in die Seitenwände eingelassen sind. Gelbe und violette Scheiben bringen je nach Tageszeit unterschiedliche Lichtbilder auf die große weiße Wand hinter dem Altar und beleben sie. Die Dachfläche über dem Altar besteht übrigens auch aus einem getöntem Fensterstreifen – eine ansprechende architektonische Geste, die die Verbindung zum Himmlischen herstellt.

Die Ausstattung der Kirche wirkt schlicht und entschieden zeitgemäß. Und wer genau hinschaut, sieht, dass in dieser katholischen Kirche auch immer wieder regelmäßig die evangelische Gemeinde zu Gast ist. Das war von Anfang an so geplant. Denn gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit haben hier eine lange Tradition. In der Phase, in der das neue Gotteshaus St. Barbara noch im Bau war, stellte die Luther-Gemeinde den katholischen Nachbarn ihre Kirche zur Verfügung. Diese war schließlich auch nicht mehr zu halten, heute befindet sich ein Sportzentrum in dem Gebäude. Daher sind jeden Sonntag um 11 Uhr evangelische Gläubige zu Gast in der Kirche, die katholische Gemeinde feiert ihren Gottesdienst bereits um 9 Uhr. So liegen denn auch auf den Kirchenbänken Gesangsbücher beider Konfessionen aus – Zeichen für eine tatsächlich gelebte Ökumene.

Das gesamte symbolische Programm des Kirchen-Innenraums ist ein gelungener Konsens: Das Kreuz über dem Altar bleibt abstrakt – ohne Jesusfigur. Aber in seiner Proportionalität mit einem eher kurzen vertikalen Fortsatz über dem Querbalken erinnert es an seinen Körper. Der Altar, ein Block mit einer Granitplatte aus der alten Kirche, steht nicht auf einem Podest. Der Altarraum ist nur durch ein anderes Bodenplattenraster abgesetzt. Der Boden besteht aus dunklem, geschliffenen belgischen Granit. Die hölzerne Skulptur der heiligen Barbara – eine Übernahme aus der alten Kirche - ist an der Seitenwand platziert, und Maria, die Mutter Gottes, hat in Form einer Ikone an der Rückwand einen kleinen aber feinen Platz gefunden.

108 Plätze bietet die Kirche – das ist an manchen Feiertagen nicht ausreichend. Aber gerade an diesen Tagen zeigt sich, dass es sinnvoll war, dass Kirche und Pflegeheim zusammen „gedacht“ und geplant wurden: Zu Weihnachten zum Beispiel kann die Rückwand der Kirche geöffnet werden und der Raum im Zwischenbau – sonst als Konferenzraum genutzt – wird durch Zusammenschieben von Wandelementen zugeschaltet. Auch auf der Galerie können dann zusätzlich 35 weitere Besucher Platz finden.

 

Der Zwischenbau bietet noch eine weitere Einrichtung: Hier ist ein kleiner Abschiedsraum eingerichtet, in dem Verstorbene aufgebahrt werden und in dem  man in Ruhe Abschied nehmen kann, auch dieser Raum lässt sich zur Kirche öffnen. Die Gemeinde bietet zusätzlich zur Nutzung des Raums auch eine Abschiedsbegleitung an.

Die ökumenisch ausgerichtete Architektur von St. Barbara findet auch in den Aktivitäten der beiden Gemeinden Entsprechung. Im ökumenischen „Barbara Luther Treff“, einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe, gibt es Filmabende, gemeinsame Feste, aber auch Gesprächsabende: „ Reformation, ein Grund zum Jubeln -  auch ökumenisch?“, lautete zum Beispiel der Titel eines Themenabends im vergangenen April.

Und noch etwas: Taufen können dort übrigens unter freiem Himmel stattfinden. Das Taufbecken der alten Kirche blieb in der Gemeinde, während viele Ausstattungsteile auf andere Kirchen verteilt oder in Museen gegeben wurden. Aber: Es war schlichtweg kein Platz mehr dafür im Inneren der neuen Kirche. So fiel die Entscheidung, das Taufbecken im Innenhof des Pflegeheims zu platzieren – unter freiem Himmel. Welch schöne Symbolik ...

 Verfasserin:         Anette Kolkau
Erschienen in:     >>> hallo: wie gehts?
                                    Mitgliederzeitung der hwg
                                    Ausgabe Nr. 4o / 8.2o15

Bilder aus dem Inneraum

Copyright (c) Uwe Seifert / Agentur an der Ruhr


Foto des alten Kirchenfenster "Anbetung derKönige"

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 



Foto: Rolf Rörig